Mann im Moor

Ich sagte ihm, sie habe mich an etwas erinnert, sagte ich, aber ich sagte nicht, woran. Der Schuldirektor, der mir gegenüber auf einem rollenden Bürosessel saß und mich, hinter seinem wuchtigen, hölzernen Schreibtisch sitzend, mit seinen flinken Augen fixierte, diese Augen, die hinter einer randlosen Brille auf etwas lauerten, das ich nicht preisgeben wollte, der Schuldirektor aber wurde nicht müde, mich zum Reden aufzufordern. Rede doch, befahl er mir in einem fast bittenden Ton, aber ich, ich redete nicht.

Eine Weile schwieg ich, eine für den Schuldirektor lange Weile, das weiß ich, denn er begann unterdessen, nervös mit den Beinen zu wippen, nur leicht, aber ich konnte hören, wie die Sohlen seiner schwarzen Schuhe leise auf den grauen Teppichboden klopften. Der müde Teppich vernahm das Klopfen der harten Lackschuhe wie ein Morsezeichen mitten in der Nacht, Ich – bin – der – Di- rek – tor, vernahm er, und reichte die Nachricht wie eine stille Post an mich weiter. Ich – bin – der – Di – rek – tor, flüsterte der Teppich und versank sogleich wieder in seine graue Müdigkeit. Ein schweres Schweigen machte sich im Zimmer breit, breit und noch breiter, bis es den ganzen Raum unter seiner lästigen Staubdecke verhüllt hatte. Einmal hustete der Schuldirektor peinlich berührt und seufzte tief und künstlich, das wirbelte ein wenig Schreibtischstaub auf, aber mehr passierte wirklich nicht.

Der Schuldirektor hat übrigens ein Bild in seinem Direktorenzimmer hängen, es hängt direkt hinter seinem Kopf, aber manchmal kann ich einen Blick darauf werfen, wenn der Schuldirektor zur Seite rollt, zum Beispiel. Das Bild hat einen Namen, Mann im Moor nämlich, obwohl ich, wenn ich sehr genau hinsehe, weder einen Mann noch einen Moor darauf erkennen kann, aber das macht nichts. Ich sehe meistens nicht genau hin, eher hängt es dort und ist einfach da, was eine schöne Tatsache ist. Das Gemälde gefällt mir ausgesprochen gut, je öfter ich herkomme, desto besser gefällt es mir.

Mir scheint, sprach der Schuldirektor plötzlich, Du willst nicht reden, redete er und überkreuzte die Beine und rückte seine Brille auf seiner Nase zurecht, die feucht geworden war von dem warmen Lampenlicht, das einsam seinen großen Kegel auf unsere Köpfe sandte und die herumwirbelnden Staubfetzen neugierig ins Augenschein nahm. Ich schaute hinauf, mitten in das Licht hinein und blinzelte. Da oben, die Lampe da war ein sonderbares weißes Wesen, eine Tropenblume, eine Orchidee, die aus einem kargen Stamm gewachsen kam und sich durstig zu uns hinunterneigte…
Meine Zunge war mir pelzig geworden, die Worte klebten auf ihr:

Frau Rautenstange, den Namen habe ich nicht erfunden, hat einen Schnabel da, wo andere Menschen einen Mund. Ihre Augen stieren stumpf in eine andere Welt und wenn sie redet, sehe ich nur ihren Kehlkopfvorsprung- er bewegt sich auf und ab, ich höre aber nichts. Anstatt sich der Musik zu öffnen, verschließen sich meine Ohren ihrem eisernen Erklärungswillen, der aus ihrer Stimme tönt wie aus Lautsprechern und sich kalt sein eigenes Gitter erschafft. Anstatt die Musik für sich selbst sprechen zu lassen oder, anstatt uns von der Musik zu erzählen, will sie uns inmitten ihres eigenen, panischen Gegackeres, inmitten dieses panischen Gegackeres will sie uns die Regeln der Musikkunst erklären. Jeder, der ein Zuhören nicht geschickt genug vortäuscht, wird bestraft: der Schnabel schließt sich und pickt gehörig um sich. Er greift sich die heruntergefallen Kinderohren mit einem zielgenauen Happs und lässt sie gurgelnd die Speiseröhre hinuntergleiten. Rot tropft es aus den Löchern, die einmal Ohren waren. Diejenigen, die noch können, horchen in ihre aufgeregten Kinderleiber hinein. Sie hören das eigene Blutrauschen, das zu einem Chor pochender Kinderherzen aufmarschiert, der wiederum den Klassenkörper erhitzt. Der erhitzte Klassenkörper, der danach verlangt, kein ohnmächtiger zu sein und der laufenden Ungerechtigkeit etwas entgegnen, der aufbegehren will.

Du kannst getrost erzählen, sprach der Schuldirektor mir in meine Gedanken hinein, was dich da gerade geritten hat, auch ich war einmal jung, behauptete er und schielte durch die Brille. Seine Nasenflügel blähten sich hierbei zu gigantischen Nüstern auf, aus denen jeden Moment ein Höhlenritter und der ihm entsprechende Drache hinausgeritten und – geflogen kämen. Meine Kopfhaare bäumten sich auf wie tausend Turnierfahnen und drinnen kündigten trötende Trompeten mit einer Fanfare den Kampf an. Schließlich platzte es hitzig aus mir heraus. Mit glühenden Worten verkündete ich den Grund dafür, mit dem Tafelschwamm nach Frau Rautenstengel geworfen zu haben, ich, der doch niemals mit einem Schwamm nach einer Menschenseele zu werfen gedacht hatte:

SIE …. ERINNERTE MICH AN EIN HUHN, sprach es aus mir heraus, ihr ganzes Wesen schreit danach, ein … Huhn zu sein. Das ist die Wahrheit, hörte ich mich sprechen und fragen, ob ich jetzt gehen dürfe.