Ruby

 

Ruby – wir nennen sie die Butterfrau, weil sie Butter über alles liebt – trinkt nicht nur gerne, sondern ausschließlich Cola.

 

„Do you have Coke?“ fragte sie immer, wenn sie zum Essen kommt, mit einem Ausdruck im Gesicht, als könne sie nicht fassen, dass es Menschen gibt, die etwas Anderes trinken oder servieren als Coca-Cola. Wenn sie uns Fotos von ihrer und Walters Europareise auf ihrem Handy zeigt, viele Fotos von feinem Essen, und man erblickt ein Weinglas und fragt überrascht „Ruby, ist das etwa Wein da in deiner Hand?“, dann lacht sie ihr altes Raucherlachen und sagt „That’s Coke, my dear.“

 

Ruby hat außerdem eine Vorliebe für Damenschuhe, zum Beispiel rote Damenschuhe. Kommt man zur Tür rein und sieht ein Paar dieser Schuhe, weiß man sofort, dass Ruby da ist. Mit Stolz erzählt sie einem Dinge wie, dass sie noch in die Schuhe passt, die sie getragen hat, als sie zwanzig Jahre alt war. Sie sagt dann „Diese Schuhe, diese Schuhe, die du da an meinen Füßen siehst, die habe ich schon getragen, als ich einundzwanzig war! Can you believe it?“

 

Ruby bewahrt alles auf, was man so aufbewahren kann. Erin, die in ihrer Kindheit viel Zeit bei Ruby verbracht hat, während ihre Mutter arbeitete, spricht von Rubys Keller als einer „Kriegsvorratskammer“, weil sich dort das Essen türmt, zum Beispiel mehrere Kühlschränke voller Butter. Nach Europa reist Ruby mit einem leeren Extra-Gepäck, um auf der Rückreise einen ganzen Koffer voller französischer Butter nach Kanada zu importieren. „Nichts geht über französische Butter, hörst du? Französische Butter, nicht deutsche, nicht italienische Butter. Französische Butter. Die Franzosen wissen, wie man Butter herstellt. Das ist echte Butter.“

 

Vor einigen Jahren hat Ruby einen Herzinfarkt erlitten. Seitdem ist sie alt geworden und teilt ihr Leben in zwei Hälften: vor und nach dem Infarkt, wie vor und nach dem Tod Christi, eine neue Zeitzählung. Und obwohl sie achtundsechzig ist, bewegt sie sich wie eine alte Frau, mit gesenktem Kopf und extrem langsam. Auf ihre roten Schuhe besteht sie aber.

 

Ruby hat ihren zweiten Mann Walter am Strand geheiratet. Sie hat ihn an den Strand gelockt, wo ein Standesbeamter sie getraut hat, als Überraschung. Ruby ist Walters dritte Frau – die erste ist verstorben und die zweite ist weggerannt, weil er ihr zu wenig Geld verdient hat (sagt Ruby).

 

Walter redet wenig bis gar nicht. Er ist sehr groß und sehr schlank und braun von der Sonne. Er trägt einen Schnauzbart und blinzelt und lächelt und wenn er etwas sagt, ist es meistens ein Witz. Walter ist schüchtern, wohl auch, weil er kaum hören kann und vieles verpasst. Er guckt immer, was Ruby gerade macht. Er sieht aus wie fünfzig, ist aber achtundachtzig. Sein Urgroßvater war ein kanadischer Indianer, dessen Foto im Internet verewigt ist. Sein Urgroßvater hieß sowas wie „Häuptling Kleine Weiße Wolke“ (Chief little white cloud), und seitdem ich das weiß, sehe ich Walter mit anderen Augen: ich denke an den Häuptling Kleine Weiße Wolke, wenn ich ihn ansehe, und frage mich, ob Walter gute Gene hat.